Gezeiten: Ebbe und Flut

Die Gezeiten lassen den Wasserstand der Nordsee zweimal am Tag steigen und fallen, mancherorts um mehr als drei Meter. An der Ostsee sind sie kaum wahrzunehmen, dort bestimmen Wind und Luftdruck den Wasserstand. Hier steht, wie Ebbe und Flut entstehen, wie du die amtliche Vorausberechnung liest und was die Tide für Angelzeit und Sicherheit bedeutet.

Kurve des Wasserstands über rund 25 Stunden: Mit der Flut steigt das Wasser zum Hochwasser, mit der Ebbe fällt es zum Niedrigwasser, beides zweimal. Ein senkrechter Maßpfeil zwischen den Linien von Hochwasser und Niedrigwasser zeigt den Tidenhub, eine Maßlinie zwischen den beiden Hochwassern die Dauer von 12 Stunden 25 Minuten.12 h 25 minHochwasserFlutEbbeNiedrigwasserTidenhub06121824Stunden
Abb. 1 · Tidenkurve über gut einen Tag: zwei Hochwasser, zwei Niedrigwasser, dazwischen Flut und Ebbe. KI-unterstützt gezeichnet, schematisch.

Flut ist nicht Hochwasser: die Begriffe

Im Alltag heißt der hohe Wasserstand Flut und der niedrige Ebbe. Die Gezeitenkunde trennt Vorgang und Wasserstand (Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, kurz BSH):

  • Flut und Ebbe: das Steigen und das Fallen des Wassers, an der Küste auflaufendes und ablaufendes Wasser genannt.
  • Hochwasser und Niedrigwasser: der höchste und der niedrigste Wasserstand, an dem das Wasser umkehrt.
  • Tide: eine Flut und die folgende Ebbe, von Niedrigwasser zu Niedrigwasser.
  • Tidenhub: der Höhenunterschied zwischen Hochwasser und Niedrigwasser.
  • Tidenstrom: das waagerechte Hin- und Herströmen dazu. Der Flutstrom läuft im Allgemeinen landwärts, der Ebbstrom seewärts (Bundesanstalt für Wasserbau).
  • Kentern und Stauwasser: Kentern ist der Wechsel von Flutstrom auf Ebbstrom und zurück, Stauwasser der Zustand währenddessen. Die Strömung kommt dann nahezu zum Erliegen.

Nach dem Lexikon der Geowissenschaften fallen die Kenterpunkte nicht mit Hoch- und Niedrigwasser zusammen: Das Wasser steigt schon, während noch Ebbstrom läuft. Der Gezeitenkalender nennt Hoch- und Niedrigwasser, nicht das Kentern.

Wie Ebbe und Flut entstehen

Der Mond zieht an der Erde und ihren Meeren, auf der zugewandten Seite etwas stärker als auf der abgewandten. So entsteht auf beiden Seiten ein „Hochwasserberg“, und mit der Erddrehung durchläuft jeder Ort beide einmal am Tag (BSH-Heft). Die Sonne trägt etwa halb so viel bei.

Von einem Hochwasser zum nächsten vergehen im Mittel 12 Stunden und 25 Minuten. Hoch- und Niedrigwasser kommen deshalb jeden Tag rund 50 Minuten später.

Die Nordsee ist für eigene Gezeitenwellen zu klein und zu flach (Deutscher Wetterdienst). Sie schwingt mit dem Atlantik mit, das Signal erreicht die Orte nacheinander: Borkum hat ungefähr zwei Stunden früher Hochwasser als Cuxhaven. Steigen und Fallen dauern nicht überall gleich lang: In Cuxhaven steigt das Wasser laut BSH im Mittel 5 Stunden 40 Minuten und fällt 6 Stunden 45 Minuten.

Springzeit und Nippzeit

Bei Neumond und Vollmond stehen Sonne, Erde und Mond auf einer Linie. Die Kräfte von Mond und Sonne verstärken sich, der Tidenhub wächst: Das Hochwasser läuft höher auf, das Niedrigwasser fällt tiefer. Das ist die Springzeit. Etwa sieben Tage später, bei Halbmond, bilden die drei einen rechten Winkel, und die Kräfte heben sich teilweise auf. Dann ist Nippzeit, der Tidenhub ist kleiner.

Wasserstand über knapp drei Wochen: Die Tide schwingt zweimal am Tag auf und ab. In den vier Tagen ab Neumond und ab Vollmond ist der Ausschlag am größten (Springzeit), in den vier Tagen ab Halbmond am kleinsten (Nippzeit).NeumondHalbmondVollmondSpringzeitNippzeitSpringzeit051015Tage
Abb. 2 · Knapp drei Wochen an der Nordsee: größter Tidenhub kurz nach Neumond und Vollmond, kleinster nach Halbmond. KI-unterstützt gezeichnet, schematisch.

Das BSH zählt an der deutschen Nordseeküste die vier Tage ab Neu- oder Vollmond zur Springzeit, die vier Tage ab Halbmond zur Nippzeit, den Rest zur Mittzeit. Das höchste Hochwasser kommt ein bis zwei Tage nach Neu- oder Vollmond, weil die Nordsee dem Atlantik nachschwingt. Die Bundesanstalt für Wasserbau setzt die Springtide an der deutschen Nordseeküste in ihrem Glossar sogar fast drei Tage nach Neu- oder Vollmond an; je nach Quelle und Bezugsgröße liegt die Verspätung also bei einem bis drei Tagen.

Nordsee und Ostsee im Vergleich

An der deutschen Nordseeküste liegt der Tidenhub laut BSH zwischen ungefähr einem Meter und über vier Metern. Die mittleren Werte für 2026 in Metern:

PegelMittelSpringzeitNippzeit
List auf Sylt1,771,951,51
Norderney2,432,781,95
Cuxhaven2,903,252,38
Husum3,483,882,90
Wilhelmshaven3,784,223,10
Hamburg (Elbe)3,834,093,45

Datenquelle: Gezeitengrundwerte 2026 ©, Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, Hamburg, 2026.

Zu seinen vier Ostseepegeln vermerkt das BSH, die Gezeitenausprägung sei sehr gering. Der Deutsche Wetterdienst nennt 10 bis 30 Zentimeter, das Leibniz-Institut für Ostseeforschung (IOW) für Wismar 5 bis 10 Zentimeter. Für eigene Gezeiten ist die Ostsee zu klein.

Ihren Wasserstand bestimmt das Wetter. Anhaltend starker Nordostwind staut das Wasser an der deutschen Küste, Südwestwind lässt es sinken. Hoher Luftdruck senkt den Wasserspiegel, im Gleichgewicht um etwa einen Zentimeter je Hektopascal (IOW). In Flensburg verzeichnete das BSH am 1. Januar 2026 ein Niedrigwasser von 102 Zentimetern unter Normalhöhennull, am 9. Januar eine Sturmflut von 133 Zentimetern darüber (Rohdaten). Was das im Flachen heißt: Angeln in Bodden, Förde und Fjord.

Die Gezeitenvorausberechnung lesen

Die amtliche Vorausberechnung stellt das BSH unter gezeiten.bsh.de für einzelne Pegel bereit, gedruckt im Gezeitenkalender mit etwa 180 Orten. Wähl den Pegel, der deinem Platz am nächsten liegt. Jede Zeile nennt ein Hoch- oder Niedrigwasser:

  • Uhrzeit: einstellbar als gesetzliche Zeit, MEZ oder Weltzeit. Die Gezeitentafel-Ansicht zum Herunterladen rechnet durchgängig in Winterzeit, im Sommer kommt eine Stunde dazu.
  • Höhe über SKN: SKN ist das Seekartennull, die Nullfläche der Seekarte. Die Zahl sagt, wie hoch das Wasser darüber steht, nicht wie tief es an deinem Platz ist.
  • Ereignis und Phase: HW oder NW, dazu Sp, Mt oder Np für Spring-, Mitt- und Nippzeit.

Über der Tabelle steht: Aktuelle Windverhältnisse werden in den Vorausberechnungen nicht berücksichtigt. Bei auf- oder ablandigem Wind kann der Wasserstand deutlich abweichen. Dafür gibt es die Wasserstandsvorhersage des BSH: für die Nordsee viermal am Tag als Abweichung vom mittleren Hoch- und Niedrigwasser, für die Ostsee als Abweichung von Normalhöhennull in Zentimetern.

Was die Tide fürs Angeln bedeutet

Das Folgende sind Erfahrungen aus Angelpresse und Verbandsschriften, keine Messergebnisse.

  • Auflaufendes Wasser: An der dänischen Nordseeküste fallen die Beißphasen laut Blinker oft auf die Stunden, in denen das Wasser steigt; nur dann zu angeln, wäre aber ein Fehler. Für die Scholle vom Kutter nennt die Zeitschrift auflaufendes Wasser als beste Zeit. Im Hamburger Hafen ziehen Flundern dann von den Hängen der Fahrrinne auf die Sandbänke (Broschüre des Deutschen Angelfischerverbands).
  • Niedrigwasser: Jetzt erkennst du von einem erhöhten Standpunkt die dunklen, tiefen Senken vor dem Strand. In einem Blinker-Bericht von Sylt werden sie bei auflaufendem Wasser befischt. Auch Wattwürmer gräbt man bei Niedrigwasser.
  • Ablaufendes Wasser: Im Hamburger Hafen nimmt dann die Strömung zu, Wirbel bilden sich, Futter wird freigespült. Gegen den Strom nennt die Broschüre Bleie bis 200 Gramm. Zum Aufbau: Brandungsmontage.
  • Stauwasser: Über Wracks lassen sich manche Arten nur fangen, wenn das Wasser zwischen Ebbe und Flut steht. So berichten es die Seenotretter von einem Kollegen, der gelernter Fischwirt ist. Fürs Boot: Boot und Schwimmweste.
  • Ostsee: Steigt das Wasser, ziehen Meerforellen nach einem Blinker-Beitrag in Ufernähe und in flache Bereiche. Auf einer Sandbank kann es dir aber den Rückweg abschneiden, weil die Rinne zum Strand zu tief zum Durchwaten wird (DLRG). Mehr zum Waten: Ufer und Wathose.

Sicherheit: Watt, Priele, Buhnen

Die Regeln fürs Watt stehen unter Angeln an Küste und Brandung. Hier geht es um die Tide:

  • Priele laufen zuerst voll. Bei Ebbe laufen sie als letzte leer, bei Flut als erste wieder voll. Flächen zwischen Priel und Land können überflutet sein, während es draußen noch trocken ist (DLRG-Heft „Gefahren am Meer“). Im April 2025 befreiten die Seenotretter vor Amrum 25 Menschen, die bei auflaufendem Wasser einen Priel nicht mehr durchqueren konnten.
  • Wind verschiebt die Zeiten. Prüf die Vorausberechnung kurz vor dem Aufbruch, raten die Seenotretter: Der Wind hat starken Einfluss darauf, wie schnell und hoch das Wasser aufläuft. Bei mehr als sechs Beaufort gelten die Zeiten im Tidenkalender laut DLRG nicht mehr.
  • Buhnen und Molen. An Wasserbauwerken ist nach der DLRG immer mit Rippströmung zu rechnen, starkem Strom vom Ufer zurück ins Meer. Vor Norderney stürzte 2025 ein Angler von einer Buhne ins Wasser; bei stark ablaufendem Wasser drohte ihn die Tide auf die offene See zu treiben (Einsatzbericht). Mehr: Angeln in Hafen und an der Mole.

Hinweis: Geh nie allein ins Watt, längere Strecken nur mit Wattführung, raten die Seenotretter. Wer eingeschlossen ist, setzt laut DLRG sofort einen Notruf ab: 112 oder die Rettungsleitstelle See, Telefon 0421 53687-0. Wo du im Nationalpark Wattenmeer angeln und Wattwürmer stechen darfst, hängt von Land und Schutzzone ab (Nationalparkverwaltungen).

Häufige Fragen

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Was ist der Unterschied zwischen Flut und Hochwasser?

Flut ist das Steigen über rund sechs Stunden, Hochwasser der höchste Stand an ihrem Ende. Ebenso ist Ebbe das Fallen und Niedrigwasser der tiefste Stand.

Gibt es an der Ostsee Ebbe und Flut?

Ja, aber mit bloßem Auge nimmst du sie praktisch nicht wahr, der Wind bewegt den Wasserstand deutlich stärker. Dort hilft dir die Wasserstandsvorhersage, nicht der Gezeitenkalender.

Bei welcher Tide beißen die Fische am besten?

Eine gemessene Regel nennen die ausgewerteten Quellen nicht. Die Angelpresse nennt für die Nordsee oft das auflaufende Wasser, rät aber, die übrige Zeit nicht auszulassen.

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Quellen

Text und Zeichnung KI-unterstützt erstellt. Quellen im Oktober 2026 geöffnet und geprüft, keine Grafik aus den Quellen übernommen.

Alle Angaben sind Richtwerte ohne Gewähr. Für deinen Platz und Tag gilt die aktuelle Vorhersage des BSH. Der Text ersetzt weder Wattführung noch ärztliche Beratung.